Aufforderung zur Solidarität
Internet-Kanzel
In den letzten 2000 Jahren ist immer wieder bestritten worden, dass die Botschaft Jesu eine politische Dimension habe. Seine sozialkritischen Äußerungen hätten nichts mit dem Heute zu tun und sie könnten auch nicht so einfach in unsere Zeit der Globalisierung und des Internet übertragen werden. Aber alle Entpolitisierer des Christentums vergessen, dass Jesus nie zwei voneinander getrennte Reiche proklamiert oder gepredigt hat. Wenn er sagt: „Mein Königtum ist nicht von dieser Welt“, dann heißt dieser Satz – wie Pinchas Lapide nachgewiesen hat – eigentlich: „Mein Königtum ist himmlischen Ursprungs und göttlicher Herkunft“. Ist das aber nicht die klarste Antithese zu den im römischen Kaiserreich herrschenden selbsternannten menschlichen Göttern? Ich meine, es war wohl die schärfste und geladenste Botschaft in den Ohren der Römer und der mit ihnen verbündeten religiösen Gruppen des Landes Israel in der damaligen Zeit – und es ist eine genauso scharfe Botschaft für alle Gewaltherrscher und Diktatoren im Jahre 2010 und eine Herausforderung an die Welt des Kapitalismus, in der nur der Erfolg und der Konsum zählt und in der Macht und Geld, Rang und Titel zu Leitbildern der Gesellschaft geworden sind. Sicherlich: Jesus hat das Geld nicht abgeschafft; aber er hat deutlich gemacht, dass es den Menschen zu dienen hat und sie nicht beherrschen darf. Eine solche Botschaft gerät aber in Konflikt mit unserer Zeit, in der einerseits eine globale Armut herrscht und andererseits sich ein internationaler Raubtier-Kapitalismus breit macht, wie wir in derzeit ja auch in Deutschland ein Stück weit vor Gericht sehen.
Oft wurde das Evangelium in den zurückliegenden Jahrhunderten missbraucht und die Menschen auf den Himmel vertröstet. Aber wie heißt es schon im ersten Johannes-Brief. „Wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann der Gott lieben, den er nicht sieht?“ Das heißt doch nichts anderes, als dass die Gottesliebe erst dann möglich ist, wenn sie von der Nächstenliebe begleitet bzw. getragen ist. Und da taucht dann immer die Frage auf: Wer ist denn der Nächste? Und diese Frage wird bei Jesus durch verschiedene Gleichniserzählungen eindeutig beantwortet. Der Nächste ist für mich immer derjenige, der in Not ist. Ich muss genauso wenig die ganze Welt lieben wie Sie; aber als Christen sind wir verpflichtet, denen zu helfen, die in Not sind – selbst wenn es der Andersdenkende, der Fremde, der mir gänzlich Unsympathische ist. Das Liebesgebot Jesu sprengt alle nationalen, alle rassischen und religiösen Grenzen. Was Jesus von uns verlangt ist keine Gefühlsduselei, sondern eine praktizierende Liebe. Tue dem Nächsten Liebe an, erweise ihm Gutes – tu was für ihn. Und in seiner Endzeitrede nennt er dann Beispiele: Den Hungernden etwas zu essen zu geben, Kranke zu pflegen, Gefangene zu besuchen, Fremde aufzunehmen…
Jesus macht in seinen Reden auch immer wieder den Menschen Mut, die sich in einer seelisch schwierigen Situation befinden. Heute wären das die jungen Menschen, die durch’s Abi-Examen gefallen sind oder die keine Lehrstelle bekommen haben; Menschen, die gerade das Ende ihrer Ehe oder Partnerschaft erfahren müssen; Menschen, die im Büro gemobbt werden, die unter dem Getuschel der Nachbarn leiden und das Gerede anderer über sich ergehen lassen müssen. All diesen Menschen, die unter diesen Gegebenheiten leiden und oft das Gefühl haben, minderwertig oder schlechter als andere zu sein, denen sagt Jesus: Alles falsch! Kümmert euch nicht darum, was andere über euch reden, wie andere über euch urteilen oder euch anklagen. In eurer Würde seid ihr unantastbar, weil ihr von Gott geliebt seid und euch diese Liebe niemand nehmen kann. Diese Botschaft ermöglicht dann den Menschen, aufrecht durchs Leben zu gehen, auch dann, wenn sie nach menschlichen Leistungsmaßstäben versagt, Fehler begangen oder Ansprüchen nicht genügt haben.
Das Evangelium ist und bleibt eine Botschaft der Solidarität: Nämlich die Pflicht, denen zu helfen, die in Not sind. Heute wird das Umgekehrte propagiert. Heute soll jede/r für sich selber sorgen, am besten durch die Bildung eines Kapitalgrundstocks. Was geschieht aber mit all den Menschen, die das nicht können oder bei denen der Kaptalgrundstock pleite geht? In meinen Augen gibt es nur eine kompatible Antwort auf diese brennende Frage unserer Zeit – die Bürgerversicherung! Alle zahlen von allem für alle und die Stärkeren leisten für die Solidarität mehr als die Schwächeren. Das Evangelium ist auch heute mehr als brandaktuell – und außerdem noch viel ökonomischer als viele meinen!
Bertram Bolz, Diakon
Kath. Touristen- und
Residentenseelsorger
Kapelle San Telmo, Puerto de la Cruz.














