Bitte mehr Toleranz
Internet-Kanzel
Das Wort Toleranz steht im heutigen Sprachgebrauch für die Duldsamkeit gegenüber abweichenden Überzeugungen. In einer pluralistischen Gesellschaft ist es auch unumgänglich, anderen Meinungen und Lebensentwürfen als den eigenen ihre Berechtigung zuzugestehen. Jede und jeder nimmt für sich gern in Anspruch, überaus tolerant zu sein und wir vermerken dies nicht ohne Stolz gegenüber früheren Generationen. Doch sind wir es wirklich?
Denken wir nur mal an Meinungsverschiedenheiten: Wie schnell steht uns da der Kamm, schwillt uns die Zornesader und wird unsere Stimme lauter? Wie gereizt gehen wir statt aufeinander zu eben eher aufeinander los und unterstellen dem anderen unlautere Absichten? Wie rasch liegt’s uns auf der Zunge: Dann gehe ich eben vor Gericht. Waren unsere Gerichte je so überfordert mit Klagen und zivilen Prozessen wie heute? Sind wir also wirklich so tolerant?
Ich werde leider oft den Eindruck nicht los – und da schließe ich mich keinesfalls aus -, dass wir uns dann tolerant geben, wenn es sich um Belanglosigkeiten handelt, oder wenn uns eine Sache nicht unmittelbar betrifft. Ja selbst innerhalb unserer Kirche, in der der Toleranz-Begriff seine geschichtlichen Wurzeln hat, ist uns eben diese bisweilen abhanden gekommen. Wie rasch wird da das Kirchenvolk in Konservative und Progressive, in Häretiker und Ewig-Gestrige, in Linke und Rechte gespalten. Scheinbar unversöhnlich treffen die Meinungen bei Themen wie dem Diakonat der Frau, der Schwangerschaftskonfliktberatung, der Sexualmoral oder der Gottesdienstgestaltung aufeinander. Die innerkirchliche Intoleranz zeigt sich dann in aller Regel so: Die einen beklagen sich, weil ihre Themen in Gottesdienst und Öffentlichkeit viel zu wenig präsent sind und bestreiten somit gleichzeitig die Wichtigkeit anderer Ereignisse. Bei den einen gerät in Verdacht, wer einem päpstlichen Schreiben etwas positives abgewinnt und von den anderen wird argwöhnisch beäugt, wer den Pflichtzölibat nicht für ein Dogma hält. Schubladendenken feiert also fröhliche Urständ – von Toleranz ist nicht viel zu sehen und zu spüren.
Dabei heißt doch Toleranz – in Ableitung vom lat. Wort tolerare – geduldig mit sich selbst zu sein und andere ertragen zu können. Damit ist keine Gleichgültigkeit gemeint und auch nicht die Aufgabe eigener Überzeugungen nur damit eine oberflächliche Harmonie erzeugt wird. Es geht dabei auch nicht darum, die Wahrheit „in der Mitte“ oder in faulen Kompromissen zu suchen. Was Not tut, das ist vielmehr ein versöhnlicher Umgang miteinander und untereinander, das Einüben wertschätzender Umgangsformen.
Für meinen Alltag kann dies heißen: Dem anderen eben nicht gleich Böses zu unterstellen, wenn er etwas anderes sieht als ich. Zuzuhören und zu verstehen versuchen, worauf die Meinung meines Gegenübers beruht. Es kann auch heißen, Einendes und Verbindendes stärker hervorzuheben und im Gespräch mit dem anderen zu bleiben. Und: Sie und ich sollten immer darauf bauen und vertrauen, dass Gottes Toleranz weitaus größer ist, als wir sie uns wohl je vorstellen können.
Bertram Bolz, Diakon
Kath. Touristen- und Residentenseelsorger
Kapelle San Telmo, Puerto de la Cruz
Normalerweise alle 14 Tage sonntags im Sonneninsel-Teneriffa.de-Blog
(Heute ist Samstag und die Ausnahme
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