Blutsbrüderschaft
Internet-Kanzel
Heute, am Donnerstag, den 3. Juni feiern wir Katholiken das Fronleichnamsfest. Zwar ist dieser Donnerstag hier auf Teneriffa kein Feiertag (Fronleichnam wird in den spanischen Gemeinden immer am darauffolgenden Sonntag gefeiert), aber in einer Woche, also am 10. Juni, da steht ganz La Orotava Kopf, wenn Bischof Bernardo dieses Fest vor dem altehrwürdigen Rathaus der Stadt feiert – auf einem fast 1000 qm großen, mit wunderschönen Motiven versehenen Sandteppich! Da lohnt es sich wirklich hinzugehen. Fronleichnam – das ist das Fest, an dem wir Katholiken „auf die Strasse gehen“. Tausende von Gläubigen werden sich in Prozessionen einreihen, die das Sakrament der Eucharistie, das Brot des Lebens, in einer Monstranz durch die Städte und Dörfer führen.
Mir ist dieser Tag eigentlich von Kindheit an sehr vertraut. Auch in meiner Heimatgemeinde wurden Blumenteppiche zu Ehren Gottes angefertigt, man schmückte Strassen und Plätze mit Fahnen, vor vielen Häusern wurden kleine Altäre aufgebaut und alle Gläubigen zogen betend und mit viel Musik durch die herrlich geschmückte Stadt. Klar war mir eigentlich auch schon immer, dass diese Prozessionen keine Schauveranstaltungen sein sollen, sondern Ausdruck dessen, dass wir diesen Gott im Zeichen des Brotes überall dorthin führen wollen, wo für uns Alltag herrscht. Gott will an unserem Leben Anteil nehmen und dies zeigen wir, indem wir ihn dorthin führen, wo wir leben und arbeiten. Gleichzeitig ist es natürlich auch ein öffentliches Glaubensbekenntnis, welches da jede und jeder Teilnehmende ablegt.
Aber trotz all diesem Wissen – ein wirkliches Aha-Erlebnis, was denn nun das „Sakrament der Eucharistie“ bedeutet, was es für uns sein möchte, das bescherte mir weder eine solche Fronleichnamsprozession und auch kein hochtheologischer Vortrag. Meine Erkenntnis verdanke ich Karl May und seinem Buch „Winnetou I“ (wer von uns hat es nicht gelesen bzw. die Filme mit Pierre Brice und Lex Barker nicht gesehen???) Ja – Sie haben richtig gelesen und ich hoffe, Sie empfinden das nicht als blasphemisch, denn so soll es keinesfalls verstanden werden. Können Sie sich an die Begegnung zwischen Winnetou, dem Häuptling der Apachen, und Old Shatterhand erinnern? Eine Begegnung, die in Feindschaft beginnt, aus der heraus sich aber Respekt, Achtung und Freundschaft zwischen dem weißen und roten Mann entwickelt. Dann kommt da irgendwann diese berühmte Szene, in der die beiden Blutsbrüderschaft schließen. Sie bringen sich eine Wunde bei, lassen ihr Blut in einer Wasserschale zusammenlaufen und trinken es zum Zeichen dafür, dass sie fortan auf Leben und Tod miteinander verbunden sind. Diese Blutsbrüderschaft der beiden ist ab diesem Zeitpunkt die entscheidende Prägung ihres Lebens.
Ist aber die Eucharistie, die hl. Kommunion, nicht so etwas wie der Vollzug der Blutsbrüderschaft Gottes durch Jesus Christus mit uns Menschen? Hat nicht Christus selbst, so können wir in der Hl. Schrift nachlesen, sein Leben in Form des Brotes an seine Freunde ausgeteilt? Mir ist klar geworden: Im Abendmahl, da schließt Gott – auf für uns sicherlich sehr geheimnisvolle Weise – im Brot und Wein der Eucharistie eine sakramentale Blutsbrüderschaft mit uns Menschen. Durch das eucharistische Brot sind wir mit Jesus Christus aufs Engste verbunden. Oder ich könnte auch sagen: Wer das Brot des Lebens und dieses Brot zum Leben empfängt, der kann mit der Beschränktheit, die menschlichen Worten nun mal zu eigen ist sagen: Jesus Christus selbst ist mein Blutsbruder; mein menschliches Leben ist mit seinem Leben verbunden.
So eine Blutsbrüderschaft hat aber auch Konsequenzen – wie uns Karl May in den Personen von Winnetou und Old Shatterhand deutlich gemacht hat. Freundschaft und Treue, das ist das was beide einander versprechen. Christus steht zu mir und er erwartet das auch von mir. Blutsbrüderschaft besagt doch: Die bestimmende Perspektive meines Lebens muss die Verbindung mit ihm sein. Alles, was ich in meinem Leben tue, ob ich arbeite oder Urlaub mache, ob ich froh oder traurig bin, ob ich schweige oder rede, lache oder weine – es geschieht in der Verbundenheit mit ihm: Jesus Christus.
Fronleichnam – das ist für mich das Fest der nie endenden Blutsbrüderschaft Gottes mit uns Menschen. Das aber sollte uns nicht nur einen Festtag und ein öffentliches Bekenntnis wert sein – nein, diese Blutsbrüderschaft ist uns so wichtig, dass wir sie in jedem Gottesdienst erneuern.
Bertram Bolz, Diakon
Kath. Touristen- und
Residentenseelsorger
Kapelle San Telmo, Puerto de la Cruz














