Christen A.D. ???

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Bertram Bolz, katholischer Touristen- und ResidentenseelsorgerEin paar Tage ist es nun alt, das neue Jahr 2010. Eine Weile werden Sie und ich wohl noch Gefahr laufen, dem neuen Jahr die alte Jahreszahl beizulegen; aber wir Menschen sind Gewohnheitstiere und irgendwann werden wir die richtige Jahreszahl wohl auch zu Papier bringen.

Wenn man so in die alten Jahre zurückschaut, dann entdecken wir, dass die Jahre immer auch durch persönliche Ereignisse geprägt waren und sind. Das eine durch den wunderschönen Urlaub auf Teneriffa, das andere durch den Tod eines nahestehenden Familienangehörigen, wieder ein anderes durch die Geburt eines Kindes oder den Umzug in eine neue Wohnung oder das eigene Heim, durch den Beginn des Studiums, den Renteneintritt oder auch die bittere Trennung vom Partner/in. Diese, unsere ganz private, familieninterne Geschichtsschreibung beginnt immer mit: „Das war doch das Jahr, in dem…“

Aber gibt es nicht auch so etwas wie einen roten Faden, einen durchgehenden Gesichtspunkt, der das Gewebe unseres Lebens durchzieht, der Monate, Tage und Stunden zusammenhält? Bei meinem Sommerbesuch in Deutschland entdeckte ich in der Tübinger Altstadt rein zufällig mal wieder, was mir eigentlich aus Kindertagen bekannt und geläufig war. An den Giebelbalken alter Häuser ist die Jahreszahl ihrer Errichtung eingeschnitzt. Und vor dem Datum stehen die Buchstaben „A.D.“ für Anno Domini, im Jahr des Herrn. Mir ist dabei wieder bewusst geworden, dass unsere Vorfahren noch fest danach lebten: Alle unsere Jahre sind Jahre des Herrn – und auch wir gehen zu ihm, ob wir es wollen oder nicht, ob es uns bewusst ist oder wir dies ganz gerne verdrängen.

Aus diesem Grund wäre es gut, denke ich, neben den vielen relativen Datumsmerkmalen (wie Urlaub, Geburt, Tod, Hauskauf etc.) auch wieder eine solche Datierungsmarke A.D. in unsere private Geschichtsschreibung aufzunehmen. Dann könnte man doch sagen: „Das war in dem Jahr, als ich Gottes Nähe in meiner Krankheit ganz besonders erfahren durfte,…als wir – Gott sei Dank – ein gesundes Kind bekamen;…als wir unsere schwere Ehekrise meistern konnten;…als unsere Mutter ihr Leben in Gottes Hände zurückgab;…als ich, Gott weiß wie, der Firmenpleite noch einmal entkommen bin.“

Was doch für die übergreifenden historischen Epochen gilt, das gilt doch auch für die verschiedenen Zeitabschnitte meines ganz persönlichen Lebens. Auch sie stehen unmittelbar mit Gott in Verbindung. Und der Wert, ob andere diese Zeit wichtig oder unwichtig finden, der resultiert nicht daraus, was andere denken, sondern dass Gott diesen Zeitabschnitt meines Lebens ansieht und ihm damit Ansehen gibt.

Natürlich bleibt damit die Traurigkeit über verpasste, vertane, nicht gelebte oder sogar verdorbene Lebenszeiten bestehen. Das ist allgemein menschlich, und selbst der alt gewordene Karl Rahner, ein gewiss epochal zu nennender Theologe, hat in einem Vortrag in München mal gesagt: „Der, der ich bin, grüßt trauernd den, der ich sein möchte.“ Aber nichts destotrotz darf ich sagen: Auf jedem scheinbar belanglosen, flüchtigen und verlorenen Augenblick meines Lebens, da ruht der ewige Augenblick Gottes. Er sieht ihn und so bekommt jeder Zeitabschnitt meines Lebens, gleich wie er von mir gelebt wurde, das Ansehen durch Gott und damit einen bleibenden Wert.

Manchmal können wir davon etwas erahnen, wenn z.B. irgendeine Melodie, vor Jahren erklungen, einen bleibenden Nachhall in unserem Leben hinterlässt. Oder wenn ein Gedicht oder auch ein Gebet, in Kindertagen kinderleicht erlernt, uns hilft, das Schwere des Daseins zu tragen und zu ertragen, weil es uns erinnert, das wir von Gott getragen sind. Lassen wir uns also auch in diesem Jahr 2010 berühren von vergänglichen Augenblicken, aber seien wir uns immer gewiss, dass auch diese Zeiten von und in Gott verewigt sind. Als Christen sind wir in diesem Neuen Jahr nicht Christen a.D. (also Christen außer Dienst), sondern Christen Anno Domini – Christen im Jahr des Herrn, der uns auch durch die 365 Tage des Jahres 2010 mit seinem Segen geleitet.

Bertram Bolz, Diakon
Kath. Touristen- und
Residentenseelsorger

Kapelle San Telmo, Puerto de la Cruz

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