Geburt im Stall

Internet-Kanzel

Vor kurzem las ich von dem Schweizer Pfarrer Kurt Marti ein befremdliches Weihnachtsgedicht, welches etwa so lautet:

weihnacht
damals
als gott
im schrei der geburt
die gottesbilder zerschlug
und
an marias brust
runzlig rot
das kind lag

Vielleicht empfindet der ein oder die andere von Ihnen ein solches Gedicht unappetitlich; vielleicht empört sich manch empfindsames Gemüt über ein solch drastisches Gedicht. Aber genau dadurch bringt es für mich das Ungeheuerliche, das wir an Weihnachten feiern, auf den Punkt. Ein runzlig rotes Neugeborenes ist die Wehrlosigkeit und Hilflosigkeit in Person, und mit seinem Geburtsschrei zerschlägt Gott alle bisherigen Gottesbilder.

Bertram Bolz, katholischer Touristen- und ResidentenseelsorgerMenschen aller Religionen, ganze Heerscharen von Schriftstellern, Philosophen und Theologen haben sich den Kopf zerbrochen über Gott. Was ist dabei herausgekommen? Der Gott, „der auf Cherubim thront“, der „strenge Richter aller Sünden“, der Töpfer- oder Uhrmacher-Gott usw. Durch die vielen ihm zugedachten Verhaltensweisen wurde der wahre Gott über Jahrhunderte zugedeckt.

Dann aber ergreift Gott selbst die Initiative: In diesem kleinen Kind, macht sich der unbegreifliche Gott begreiflich; im Stall von Bethlehem wird der unendliche Gott endlich; im Kind wird der bedürfnislose Gott des Menschen und der Menschlichkeit bedürftig. Der nie und nirgends greifbare Gott wird greifbar, ja sogar angreifbar – man kann sich an ihm vergreifen, wie Golgotha später zeigt. Der unsichtbare Gott wird sichtbar, lässt sich sehen und auch übersehen – geht bis zur Unansehlichkeit am Kreuz. Der unüberhörbare Gott wird hörbar und überhörbar, er öffnet taube Ohren und predigt sogar noch tauben Ohren. Der angeblich rein geistige Gott wird fleischlich – angefangen vom Babyspeck bis hin zur Totenstarre. Auch wenn wir dieses Drastische nicht gerne hören mögen, so müssen wir uns doch vom Wort der Bibel gesagt sein lassen „Und das Wort ist Fleisch geworden“. Das, was wir glauben, die Menschwerdung Gottes, ist, wenn wir es recht betrachten, eine ungeheure Zumutung.

Die Lesung an Weihnachten aus dem Buch Jesaja, die mehr als 700 Jahre vor Christus verfasst wurde, bereitet uns auf diese Ungeheuerlichkeit vor, erwartet die Geburt eines Kindes und verbindet damit die Rettung der Welt. „Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter.“

Wir Christen haben dieses Wort des Propheten Jesaja auf Christus hin interpretiert und uns anleiten lassen, im scheinbar Unwichtigen das scheinbar Wichtige wahrzunehmen. So fasziniert es mich, dass wir in der Niederkunft eines Menschen die Ankunft Gottes in der Welt sehen dürfen. Und ich muss für mich und mein Leben lernen: Erst wer sich tief herablässt zum kleinen Kind, der begegnet dem großen Gott. Wenn der so unerreichbar scheinende Gott so leicht erreichbar ist, welch eine Ermutigung, ihn zu suchen. Wenn wir uns zu Gott erheben können, indem wir uns tief herabbeugen, welch ein Kinderspiel ihn zu finden. Weihnachten – das ist für mich das Fest der Zumutung und Ermutigung; denn Gott ist menschlich unbegreiflich und gleichzeitig so unbegreiflich menschlich. Das ermutigt mich zu mehr Menschlichkeit in meinem Alltag – denn in ihr kann ich Gott begegnen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein sehr menschliches Weihnachtsfest – das sie zu vielen Gottesbegegnungen im Alltag führen kann.

Bertram Bolz, Diakon
Kath. Touristen- und
Residentenseelsorger

Kapelle San Telmo, Puerto de la Cruz

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