“Blüten” werden aussortiert

Internet-Kanzel

Bertram Bolz, katholischer Touristen- und ResidentenseelsorgerEs gibt Apparate, mit denen man automatisch falsche von echten Geldscheinen trennen kann. Solche Apparate sind wertvoll, wie wir tagtäglich beim Einkaufen in den Geschäften feststellen können, und sie leisten wertvolle Dienste, um sogenannte „Blüten“ auszusortieren. Über einen Oszillator erzeugen die „Blüten“ einen falschen Ton. So etwas gibt es schon seit geraumer Zeit – und nicht nur große Kaufhäuser besitzen heutzutage einen solchen Apparat.
Kontrollapparate ganz eigener Art, die die „Blüten“ unter den Mitmenschen ausfiltern sollen, gibt es, seit dem Menschen leben. Schablonen, in die man je nach dem eigenen System andere hineinzwängt nach dem Motto: Wer nicht hineinpasst, der gehört auch nicht zu unserer Gruppe und wird mit mehr oder weniger unmenschlichen Mitteln „hinaussortiert“.

Zur Zeit Jesu gehörte vor allem die Berufsgruppe der Zöllner zu den sogenannten „falschen Fuffzigern“, die in aller Regel aus dem Kreis der jüdischen Gemeinden ausgeschlossen waren. Wer zu dieser Gruppe von „öffentlichen Sündern“ gehörte, der konnte bei den Gesetzestreuen keinen Anschluss finden. Um so ungeheuerlicher war es, dass Jesus dieses Tabu durchbrach und sich ausgerechnet aus dieser so verachteten Gruppe einen in seine TOP-Mannschaft holte und ihn zum Apostel kürte – Matthäus. So etwas musste ja Komplikationen mit sich bringen und als Ärgernis von den „Frommen“ empfunden werden. Und dann treibt er es sogar noch auf die Spitze. Mitten bei einem großen Festmahl setzt sich Jesus mitten unter die Zöllner und Sünder, worunter auch Prostituierte waren, und speist mit ihnen – ja schlimmer kann man eigentlich gar nicht provozieren und es war klar, dass die Gegenseite hier reagieren musste.
Nun kennen wir die Reaktion Jesu auf all die Einwände und Einwürfe der Protestgruppen. Er sagt ganz lapidar: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken.“ Und schon hat er wieder unsere ganze Sympathie – oder liegt die Ihrige auf seiten der Moralwächter von Pharisäern?
Nun ist es ein leichtes, sich ein sogenanntes „Feindbild“ zu machen und den damaligen „frommen und rechtschaffenen Gruppen“ ein falsches Verhalten vorzuwerfen. Da liegt viel Abstand dazwischen, wir sind nicht so und so hätten wir uns schon gar nie verhalten. Gut und recht – aber hinterfragen wir doch mal unsere gängige religiöse Praxis – ist da dieses Problem wirklich vom Tisch? Können wir ruhigen und guten Gewissens sagen – unser Verhalten sei wirklich anders?

Ich finde, dass sich da im Laufe der Jahrhunderte gar nicht so viel verändert hat. Auch heute herrscht nach meinem Empfinden oft das Missverständnis vor, dass Gott eben nur „chemisch reine“ Seelen durch seine Kontrollapparate hindurchlässt. Wie lauten nicht all die Bedingungen, die wir ganz persönlich von anderen erfüllt sehen wollen – von den Gesetzen der Kirche mal ganz zu schweigen – ehe wir meinen und akzeptieren, dass diese Menschen wohl zu Gott und seinem Reich zugelassen werden können. Nehmen Sie sich mal ein paar Minuten Zeit und überlegen Sie, was denn in Ihren Augen diesbezüglich ein Mensch erfüllen muss.
Dabei sage ich mir immer wieder – wenn Jesus nicht davor zurückschreckt in die Leitungsposition seines Freundeskreises nicht nur Heilige, sondern wirkliche Sünderinnen und Sünder zu berufen, ja dann sollten wir doch eigentlich auch keinen anderen Maßstab anlegen. Ich finde, es ist an der Zeit, unsere fragwürdigen Kontrollsysteme – auch meine ganz persönlichen – zu überprüfen und zu hinterfragen. Warum ertragen wir einander so wenig? Warum ertragen wir uns selbst so wenig? Genau das aber wird von uns verlangt – dass wir eben nicht nur die absolute Gerechtigkeit im Blickfeld haben, sondern vor allem eine verständnisvolle und entgegenkommende Barmherzigkeit.
Und das Sie sich jetzt Gedanken machen, wie die bei Ihnen ganz persönlich aussehen könnte, das möchte ich Ihnen für die kommenden Tage wünschen.

Bertram Bolz, Diakon
Kath. Touristen- und Residentenseelsorger
Kapelle San Telmo, Puerto de la Cruz

Alle 14 Tage sonntags im Sonneninsel-Teneriffa.de-Blog

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