Licht der Kerzen – Macht der Gebete

Internet-Kanzel

Bertram Bolz, katholischer Touristen- und ResidentenseelsorgerWenn ich an den Advent denke, die Zeit der Kerzen und der einfühlsamen Stimmung, dann kommt mir oft der Film “Nikolaikirche” in den Sinn, der den Fall der Berliner Mauer vor nun mehr 19 Jahren beschreibt. Der Kommentar eines Stasi-Generals in eben diesem Film, ist mir nachhaltig in Erinnerung geblieben: “Wir waren auf alles vorbereitet. Nur nicht auf Kerzen und Gebete.” Diese Aussage eines regimetreuen Generals ist für mich das Eingeständnis dafür, dass Ideologien doch zu unterwandern und Machtapparate zu überrumpeln sind – mit Kerzen und Gebeten. Kerzen waren im Herbst 1989 ein Zeichen der Hoffnung, dass die Nacht einmal dem Licht weichen muss, dass Trostlosigkeit, Angst und Unfreiheit eben nicht die Oberhand behalten. Die Kerzen waren ein Zeichen des Protests gegen alle Mauern und Zäune, gegen alle Unterdrückung und Gewalt, mit der Menschen an einem Leben in Freiheit gehindert wurden. Gebete waren damals ein Ausdruck des Vertrauens dafür, dass Gott die Mächtigen von ihrem Thron stürzen und die Niedrigen erhöhen wird. Sie waren ein Ausdruck des Glaubens, dass mit Gottes Hilfe und Kraft Veränderungen bewirkt werden können.

Für mich haben alle, die damals mit Kerzen in den Händen durch die Straßen der großen DDR-Städte gezogen sind, die Wahrheit eines chinesischen Sprichworts unter Beweis gestellt: “Es ist besser, ein Licht anzuzünden, als über die Dunkelheit zu klagen.” Und alle, die sich damals zum Gebet in der Nikolaikirche oder an anderen Orten trafen, haben das Wort Albert Schweitzers bestätigt: “Gebete ändern die Menschen, und Menschen ändern die Welt.”

Wir stehen im Advent – eine Zeit der Kerzen und Gebete, wieder die Möglichkeit, etwas in unserem Leben und dieser Welt zu verändern. In diesen Wochen bietet sich wieder eine Chance zum gewaltlosen Aufstand, zu einer sanften Revolution – bei mir selbst. Ein Aufstand gegen alles, was mich niederdrückt und mein Leben unfrei macht. Eine sanfte Revolution gegen alle, die mir einreden wollen: Da kannst du eh nichts machen. Nein, ich kann etwas verändern. Mit jeder Kerze, die ich in dieser Adventszeit ganz bewusst anzünde, da kann ich den Wunsch verbinden: Ich möchte etwas wachsamer werden für die vielen kleinen Hoffnungsschimmer, die täglich in mein Leben fallen – wohlwollende Blicke, aufmunternde Worte, Zeichen der Zuneigung und Zärtlichkeit. Und – ich möchte etwas mutiger werden in meinem Protest gegen Ungerechtigkeiten, gegen dunkle Machenschaften, gegen Kälte und alle Lieblosigkeiten in meiner engsten Umgebung. Mit jedem Gebet, das ich spreche, mit jedem Adventslied, das ich singe und mit jedem Gottesdienst, den ich mitfeiere, da könnte ich den Wunsch verbinden: Ich möchte noch fester darauf vertrauen, dass Gott seine Verheißungen einlöst und sein Reich schon ganz nahe ist. Er schenkt mir die Kraft zum Mitbauen an seiner neuen Welt – er gibt mir zu verstehen, dass sein Friede auch durch mich Wirklichkeit werden kann.

Advent – wir würden diese Zeit falsch verstehen, wenn sie für uns nur Tage sentimentaler Kindheitserinnerungen und Wochen hektischer Geschenksuche wäre. Die Zeit des Advent ist für mich vielmehr die Aufforderung zur Rebellion gegen all die Mächte, die mich besetzen und abhängig zu machen versuchen. Es ist die Zeit, die mich von Neuem darauf hinweisen will, dass mein Leben mehr ist als das, was ich mir in meinem Egoismus erträume oder was andere mir einreden wollen. Mit Sicherheit sind diese Mächte in mir und um mich auch auf alles vorbereitet – nur wahrscheinlich nicht auf das Licht der Kerzen und die Macht der Gebete.

Bertram Bolz, Diakon
Kath. Touristen- und Residentenseelsorger
Puerto de la Cruz, Kapelle San Telmo
www.katholische-gemeinde-teneriffa.de

Alle 14 Tage sonntags im Sonneninsel-Teneriffa.de-Blog

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