Mach´s wie Gott – werde Mensch

Internet-Kanzel

Bertram Bolz, katholischer Touristen- und Residentenseelsorger

Weihnachten, dieses Wort wirkt auch heute noch fast wie ein Zauberwort. Nicht nur Kinder werden durch dieses Fest in staunende Erwartung versetzt – auch uns Erwachsene lässt es in Bewegung geraten. Kindheitserinnerungen werden wach, verschüttete Gefühle regen sich, Träume, Wünsche und Hoffnungen kommen auf. In einem Artikel las ich einmal: “Die Kirche Roms hat durch die Einführung des Weihnachtsfestes das Christentum gerettet.”
Würden wir eine solche Aussage auch heute noch unterschreiben? Sicherlich, kein anderes christliches Fest ist so tief im Bewusstsein der meisten Menschen, in Kultur und Brauchtum, im öffentlichen, wirtschaftlichen und privaten Leben so verankert, wie eben das Weihnachtsfest. Aber ist das wirklich Weihnachten, was wir da in der Lichtreklame unserer Geschäftsstraßen, in der Dekoration der Kaufhäuser oder bei stimmungsgeladenen Weihnachtsfeiern erleben? Ist dies jenes Weihnachten, welches das Christentum gerettet haben soll? Was hat denn unsere Weihnacht noch mit jener Nacht gemein, außer dem Namen? So zu fragen muss erlaubt und unter Christen sogar erwünscht sein. Denn: Sind nicht der sich jährlich steigernde äußere Aufwand, die ungesunde Hektik und Betriebsamkeit, das maßlose Schenken und Feiern Anzeichen dafür, wie sehr wir das wahre Weihnachten nahezu totschlagen und totfeiern? Es muss uns doch zu denken geben – trotz der tollen Religionsmonitor-Aussagen zur Religiosität der Menschen – dass nur noch jede/r zweite Bundesbürger/in weiß, weshalb wir überhaupt Weihnachten feiern.
Das größte Geschenk dieser Tage, die Tatsache, dass Gott einer von uns wurde, das droht in der Flut der vielen Geschenke zu verschwinden. Weihnachten – dieses Wort wird bis in den Raum der Kirche hinein so aus – geschrieben, aus-gepreßt und aus-gedrückt, dass eben dieses “Wort, das Fleisch geworden ist”, in der Inflation der Worte kein Gehör mehr findet. Es passiert so viel vor und um Weihnachten, dass das eigentliche Ereignis der heiligen Nacht nicht mehr geschehen kann – oder zumindest anders geschieht, als wir es erwarten und erhoffen. Wir brauchen eine neue Weihnachtskultur, wenn die Hauptsache nicht noch mehr den Nebensachen geopfert werden und das Fest nicht seine ursprüngliche christliche Seele ganz verlieren soll. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Es geht mir nicht darum, Menschen ihr Fest zu nehmen, ihre Freude zu zerstören oder ihre Gefühle zu verdächtigen. Es geht mir vielmehr darum, das Fest mit seinem Inhalt zu retten und Menschen davor zu bewahren, sich unter dem Vorwand des Glaubens selbst zu betrügen. Die Menschwerdung Gottes, die Zärtlichkeit, mit der Gott in Gestalt eines wehrlosen Kindes auf uns zukommt, die ist mir zu wichtig, zu gut und zu ernst, als dass wir uns darüber in die eigenen Taschen lügen sollten.
Wie aber sollen wir nun Weihnachten feiern? Für mich wäre ein ganz wesentlicher Schritt, dass wir Weihnachten nicht nur in einer Rückschau feiern – sprich den Blick rückwärts gerichtet auf Bethlehem vor 2000 Jahren. Das ist nur die eine Seite. An Weihnachten geht es aber auch um heute, um uns im Jahr 2007. Bethlehem – das ist auch hier bei uns; es ist überall dort, wo Menschen sind. Das ist ja gerade das Aufregende und Bewegende der Weihnacht, dass Gott in dem Menschen Jesus zum Licht wird für alle Menschen. Aus diesem Licht haben Menschen zu leben gelernt, und auch wir können heute aus diesem Licht leben. Dazu ist es aber notwendig, dass wir Weihnachten nicht aus einem fragwürdigen Abstand heraus feiern, sondern auf Tuchfühlung gehen – auf Tuchfühlung mit diesem Gott, der sich uns in Jesus v. Nazareth mit geteilt hat.
Menschen aber, die sich eben auf dieses Kind im Stall einlassen, die erfahren in ihm einen Gott, der sich uns ganz menschlich, zärtlich, liebend und erbarmend zuwendet. Gerade die vom Leben Benachteiligten erleben ihn am stärksten als ihren Retter, denn er wandelt ihr Dasein zu neuem Leben; zum Heiland wird er allen Armen, die ihm begegnen. Blinden öffnet er die Augen und sie vermögen ihr Leben neu zu sehen. Kranke stehen von ihren Betten auf und erleben neue Kraft. Aussätzige werden wieder gemeinschaftsfähig, weil er sich ihnen zuwendet. Sünder tauen in seiner Liebe auf – sie kehren um und die Gemeinschaft nimmt sie wieder auf. Stumme sprechen von ihrer Hoffnung, Lahme erwachen aus ihrer Trägheit – ja selbst Tote stehen auf ins Leben.
Das alles könnten auch wir sein – Sie und ich. Weihnachten sagt uns: Gott ist derjenige, der sich ganz und gar auf uns Menschen einlässt und uns so neue Lebensmöglichkeiten bietet. Wichtig ist allein, dass wir uns von der Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, die uns in Jesus aufleuchtet, verwandeln lassen. Gott will das Leben mit uns Menschen teilen, nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch heute. Er lässt sich auf uns heute nicht weniger ernst und radikal ein als anno dazumal. Die Frage bleibt nur: Lassen wir uns auf ihn ein?
Entschieden wird diese Frage bestimmt nicht dadurch, wie wir das Geburtsfest Jesu feiern, sondern ob und wie wir uns auf die Botschaft dieses Festes und auf unsere Mitmenschen einlassen. Auf einer Spruchkarte las ich einmal den Satz: “Mach´s wie Gott – werde Mensch”. Diese Aussage fasst prägnant zusammen, was Weihnachten für uns sein will: Die Chance, Mensch-zu-sein und Mensch-zu-werden im Sinne Gottes.

So wünsche ich Ihnen nun ein bewegtes und so zu Herzen gehendes Weihnachtsfest, welches uns – Sie und mich – so verändert, dass wir möglichst vielen Menschen ein solcher Mensch werden, wie Gott uns einer in Jesus geworden und bis heute geblieben ist.

Bertram Bolz, Diakon
Kath. Touristen- und Residentenseelsorger
Kapelle San Telmo, Puerto de la Cruz

Alle 14 Tage sonntags im Sonneninsel-Teneriffa.de-Blog

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