Jesus und die moderne Apartheid
Internet-Kanzel
Apartheid. Ein Begriff, der aus der Burensprache kommt und den Versuch macht, die getrennte Entwicklung von Menschenrassen für gottgewollt zu erklären. Und weil die Buren, jene holländischen Siedler in Südafrika, fromme Christenmenschen waren, beriefen sie sich natürlich auf die Bibel. Auch da heißt es im 3. Buch Mose: Ein Mensch, der nicht ins System passt; der anders ist als all die anderen, der „soll abgesondert wohnen, außerhalb des Lagers soll er sich aufhalten“ (Lev 13, 46)
Diese angeblich gottgewollte Absonderung musste seit dieser Zeit als Begründung für Ghettos und KZ’s, für psychiatrische Anstalten und Arbeitslager herhalten. Irgendwie machte sich unter den „normalen Menschen“, unter den Erfolgreichen und Gesunden das Gefühl breit, dass Krankheit und Unglück, soziale Notlage und auch wirtschaftliche Erfolglosigkeit eine Strafe Gottes seien. Und so ist es doch mehr als recht und vor allem vernünftig, mit diesen Problemfällen nach Möglichkeit nichts zu tun zu haben. Wer in eine psychiatrische Anstalt gebracht wurde oder in einer beschützenden Werkstatt unterkam, wer auf einer Aids-Station sein Leben fristet oder seine Tage im Frauenhaus verbringen muss, wer nach langem Suchen einen Platz im Alters- oder Pflegeheim gefunden hat, der ist aus den Augen – und damit auch aus dem Kopf und dem Herzen der Menschen. Seien wir doch ehrlich: Krankenbesuche sind für uns dann kein Problem, wenn es dem Patienten auch ohne uns besser geht. Beim Grenzfall drücken wir uns schon und natürlich erst recht bei all den Menschen, die wir mit der barmherzigen Begründung – „das ist das Beste für sie“ – aus unserem täglichen Umfeld entfernt haben. Nur nicht daran denken, dass man selbst mal alt und verwirrt werden könnte. Nur nicht vorstellen, selbst einmal im Rollstuhl zu sitzen und zu einem unappetitlichen Pflegefall zu werden.
Ich selbst schließe mich aus solchem Empfinden keineswegs aus: Sie und ich – wir sind genauso angstbesetzt wie die Menschen zur Zeit der Bibel, die sich gegen den Aussatz zu wehren versuchten. Wie alle anderen fürchte ich mich vor der Frage des Querschnittgelähmten „Warum gerade ich?“ und es bleibt mir das gute Wort im Hals stecken, wenn eine Familie mit zwei schwer behinderten Kindern im Lokal neben mir Platz nimmt. Glauben Sie nicht, dass auch ich mich am liebsten vor dem Zimmer eines todgeweihten Krebspatienten vorbeidrücken oder mich um den Alzheimerpatienten herummogeln möchte? Ehrenfried Schulz sagte einmal: „Es besteht zwischen meinem Kopf, der die Leidbetroffenen als Partner bejaht, und meinem Herzen, das ihnen gegenüber Mitleid verspürt, und meinem oft unsolidarischen Verhalten eine schlimme Differenz, die so nicht bleiben darf.“ Eine Aussage – die ich nur ganz dick unterstreichen kann.
Auch wir Christen sind doch von dem Gedanken umnebelt, dass es eine Gesellschaft ohne Krankheit geben könne. Weshalb sonst sind denn heute Versuche so weit verbreitet, krankes oder behindertes Leben zu reduzieren, indem wir es nur noch im Horizont von Kosten-Nutzen-Rechnungen betrachten? Die verbreitete Abschiebementalität trägt nicht nur zur Kostenexplosion bei; nein, sie fördert zugleich auch jene rechnende und berechnende Haltung gegenüber kranken, alten und behinderten Menschen, bei der wir Christen einfach nicht mitmachen dürfen. Schließlich war es Jesus, der es immer und immer wieder versucht hat, die getrennten Menschen zusammen zu führen. Das ist das ganz Entscheidende. Ich weiß, dass das allein noch keinen Kranken gesund macht – aber er kann bei all dem heil werden – geheilt und zufrieden in seinem Innersten.
Vielleicht verstehen wir auf diese Art und Weise, dass es in unseren Bittgebeten nicht darum gehen kann, alle Schwachen stark und alle Kranken gesund zu machen. Vielmehr geht es darum, sich dafür einzusetzen und darum zu bitten, dass wir es schaffen, selbst errichtete oder uns begegnende Trennungen aufzuheben. Trennungen etablieren wir doch da, wo wir meinen, so etwas nicht ertragen zu können; wo wir ständig nur nach einfachen Lösungen Ausschau halten. Gerade das aber lehrt uns Jesus nicht. Er hat uns vielmehr dazu gesegnet und ausgesandt, zu heilen, was verwundet ist – zusammenzuführen, was getrennt ist und unsere Gedanken so zu ordnen und unsere Herzen so anzurühren, dass wir das Leben schützen und unsere Liebe zu den Menschen sichtbar wird.
Bertram Bolz, Diakon
Kath. Touristen- und Residentenseelsorger
Kapelle San Telmo, Puerto de la Cruz
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