Sieben Sünden – oder was ein Eis uns sagen kann (I)
Internet-Kanzel
Mitunter ist die Werbung nicht nur dafür gut, irgendein Produkt unters Volk zu bringen – nein; mitunter taugt sie sogar dazu, den ein oder anderen längst vergessenen Gedanken wieder aufzugreifen und ins Gespräch zu bringen. Genau das ist z.B. mir passiert, als die Firma Langnese-Iglo vor Jahren ihr neuestes Eis auf den Markt „warf“: „Magnum“ – so heißt es da im Pressetext – „ist wirklich verführerisch“ und deshalb wurde eine neue Eisedition herausgebracht mit dem Titel: „Sieben Sünden“.
Nun muss ein solcher Name natürlich Kirchenleute auf den Plan rufen. Siehe da – so geschah es auch. Führende Kirchenvertreter fanden das Ansinnen der bekannten Eisfirma schlicht und ergreifend geschmacklos und artikulierten das damals auch lautstark. Dabei dachte ich mir: Warum denn eigentlich nicht? Wenn wir die Idee der „Eismänner“ nicht schlecht reden, sondern sie aufgreifen und die sieben Hauptsünden mal wieder publik machen – dann kann uns das doch nur gelegen sein. Und vielleicht passiert es ja sogar, dass der ein oder die andere unter uns, beim nächsten „Schlotzen“ oder „Genießen“ eines der verführerischen „Sieben-Sünden“ Magnum-Eis-Stücke daran denkt, was sich denn hinter diesen sieben Sünden verbirgt und weshalb man von einer Sünde spricht.
Da ist z.B. die Eitelkeit. Nicht nur im Märchen – nein, vor vielen Spiegeln in unseren Häusern, den Hotels oder Appartementanlagen heißt es heute wieder in der Augensprache: Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der/die Schönste im ganzen Land. Uns anderen könnte das ja herzlich egal sein. Aber im Märchen wie in der Wirklichkeit hat es schlimme Folgen, wenn die Eitelkeit sich gekränkt fühlt. Ob nun im Büro oder bei der Misswahl im Urlaub – da wird gemobbt und geliftet, dass sich die Wimpern biegen und ohne Rücksicht auf Verluste. Erinnern Sie sich? Im Märchen erstickte Schneewittchen an dem vergifteten Apfel. Von daher ist es schon richtig, dass die alte Moral der Kirche die Eitelkeit zu einer der 7 Hauptsünden erklärt hat. Denn – wer immer nur sich selbst bespiegelt; wer vor allem immer nur darauf achtet, bei den Leuten gut anzukommen und gut dazustehen – der läuft Gefahr ein ganz eitler Fatzke zu werden und im Zweifelsfall für andere auch gefährlich (s. Schneewittchen). Ich habe nichts gegen Schönheit – weshalb auch. Schöne Menschen sind ja auch im wahrsten Sinne des Wortes schön anzuschauen. Aber wer ständig Beifall braucht – gleichgültig ob nun von anderen oder sich selbst – der ist wahrscheinlich gar nicht wirklich schön, sondern nur eitel. Eitelkeit aber – nein, danke. Nichts gegen „Magnum Sieben Sünden – Eitelkeit“ – aber wahre Schönheit kommt von innen.
Wenn ich mir nun so ein wunderschönes Sahneeis in rosaroter Erdbeerverzierung vorstelle, dann suggeriert das schwüle Temperaturen, viel nackte Haut…eben Wollust. Eine der sieben Hauptsünden der traditionellen kirchlichen Moral ist das wilde, ungeordnete Verlangen nach Sex. Viele Menschen fragen heute – warum dass denn? Warum soll etwas vom Schönsten, was Menschen miteinander haben können so sündhaft und somit schuldhaft sein? Liegt das nicht nur daran, weil vor rd. 1.500 Jahren der diesbezüglich eng denkende Kirchenvater Augustinus die These vertreten hat, dass Eva und Adam im Paradies nicht aus Lust Sex miteinander hatten, sondern nur weil sie Kinder wollten – also um die Erhaltung unserer Art besorgt waren? Lust – so Augustinus – sei erst später dazugekommen, als Zeichen der Sünde.
Ehrlich gesagt, mit diesen Gedanken habe ich so meine Probleme. In der Bibel heißt es, dass Gott die Menschen okay findet, so wie sie sind. „Er sah, dass alles was er gemacht hatte, sehr gut war!“ Dazu gehört auch der Mensch. Und warum soll jetzt ausgerechnet die Lust bei der Liebe Sünde sein? Aber vielleicht ist das der Knackpunkt: die Liebe! Wenn wirklich Liebe im Spiel ist, dann ist Wollust keine Sünde. Im Gegenteil, dann ist die gemeinsame Lust das Zeichen einer Verbindung von zwei Menschen und diese Lust baut deren Liebe zueinander immer wieder neu auf. So gesehen ist die Wollust sogar etwas Gutes. Wo allerdings nur nackte Haut, Pornographie und lautes Gestöhne im Vordergrund steht – da spricht man wohl zurecht von Sünde; denn wird hier nicht oft genug ein Mensch – in aller Regel die Frau – zur Ware degradiert? Das aber hat mit Liebe nichts zu tun – und wo die Liebe fehlt, da wird der Mensch schnell schuldig gegenüber anderen. Vielleicht denken Sie mal daran – beim Eis-Schlotzen!
Bertram Bolz, Diakon
Kath. Touristen- und
Residentenseelsorger
Kapelle San Telmo, Puerto de la Cruz