Stille – damit die Seele mitkommt
Internet-Kanzel
Ein Manager unterbricht seine Reise, um dem Meister seine Ehrerbietung zu erweisen. „Leider lassen mir die Geschäfte keine Zeit für lange, gelehrte Abhandlungen“, sagte er deshalb dem Meister. „Könntet ihr also das Wesentliche – das, was Religion ausmacht – für einen aktiven Menschen wie mich in ein oder zwei Sätzen zusammenfassen?“ Darauf antwortete der Meister: „Ich werde es sogar mit einem einzigen Wort für Dich ausdrücken!“ „Das ist ja unglaublich“, sagte der Manager. „Und wie heißt dieses Wort?“ Der Meister sagte: „Stille!“ – „Und auf welchem Weg gelangt man denn zur Stille?“, fragte der Manager da ganz wissbegierig. „Durch Meditation“, antwortete der Meiser. „Und was bitte ist Meditation, ehrwürdiger Meister?“, fragte der Vielbeschäftigte zurück. „Stille“ – war die einfache Antwort.
Ein weiser Rat – wirklich nur für Manager? Tut Stille nicht jedem von Zeit zu Zeit gut? Gut für unser seelisches und auch für unser leibliches Wohlbefinden? Erfahrungen, die aus der Stille kommen, tun unseren Beziehungen, tun dem Zwischenmenschlichen gut. Wir können auf einmal mehr wahrnehmen als sonst, wir können besser hinhören, wenn jemand mit uns spricht, und wir können auch manche Zwischentöne – die Worte zwischen den Zeilen – besser verstehen. Still sein, schweigen können, das ist fast so, wie die Erde im Winter eben brach und ruhig liegt, um dann im Frühjahr neu aufzublühen und fruchtbar zu werden.
Wenn wir jetzt die Fastenzeit wirklich intensiv zur eigenen Entwicklung und Besinnung nutzen möchten, dann wäre es vielleicht auch mal angebracht, der eigenen Sprache von Zeit zu Zeit mal Ruhe zu gönnen, damit sie nicht im tagtäglichen Wortlärm gewöhnlich, rechthaberisch und verletzend wird. Wir könnten unseren Worten mal eine Schonzeit verabreichen, damit sie wieder behutsamer, friedlicher und versöhnlicher werden – und mutiger in den Situationen, in denen es wirklich darum geht, den Mund aufzumachen.
Stille annehmen und aushalten, das ist für uns umtriebige Zeitgenossen gewiss nicht leicht. Stille aushalten und gestalten, das ist schneller gesagt als getan. Trotzdem sollten wir Stille zulassen, damit die Seele mitkommt. Denn in ihr lassen wir Gott in unser Leben – durch sie erfahren wir vielleicht wieder ganz neu, dass die Stimme Gottes auch in uns sprechen will. Ja – es könnte doch sein, dass er sie und mich überraschen will, noch ganz neue und bislang unentdeckte Seiten im Buch unseres Lebens aufzuschlagen.
Es ist doch mitunter eigenartig in unserer Zeit. Da achten wir auf Blutdruck und Gewicht, behandeln wir Cholesterin und Zucker und versuchen mit Müsli und Jogging fit zu bleiben. Aber was tun wir für die Seele? Wie oft behandeln wir sie stiefmütterlich und vernachlässigen sie? Obwohl wir ja zwischenzeitlich alle den Slogan vertreten, dass Leib und Seele eine Einheit sind und bilden. Untrennbar sind sie miteinander verbunden; alles hängt zusammen und beeinflusst einander, im Positiven wie im Negativen, im Gesunden wie im Kranken.
Wenn wir die Seele vernachlässigen, wenn sie leidet oder durchhängt – z.B. wegen Überarbeitung, in Trauer oder bei ungeklärten Lebensumständen – dann überspielen oder verdrängen wir das recht schnell. Aber das kann Folgen haben: Wir werden depressiv, greifen zu Suchtmitteln, bekommen Minderwertigkeits- und Angstgefühle.
Zur Ruhe kommen, still werden – das kommt einer verwundeten Seele zugute und hilft ihr womöglich heil zu werden. Die heilende Atmosphäre der Stille. Von Zeit zur Zeit zur Ruhe kommen, still werden – das tut jeder Seele gut – nicht nur in der Fastenzeit.
Bertram Bolz, Diakon
Kath. Touristen- und
Residentenseelsorger
Kapelle San Telmo, Puerto de la Cruz














