Weihnachten – nur noch der Form nach?
Internet-Kanzel
„Haben Sie schon Ihr festliches gartenbauliches Element auf dem Balkon oder Ihrem Appartement? Was? Sie haben noch gar keines gekauft? Aber in Ihrem Hotel ist doch sicherlich eines aufgestellt?“ – „Wie bitte? Was ist los? Mein – was soll ich gekauft haben?“ – „Nun, dieses etwas große und so schön anzuschauende Nadelgewächs, welches man mit Kerzen bestückt und allerlei Lametta behängt.“ – „Ach so, Sie meinen den Christb….“ – „Psst! Sagen Sie das ja nicht laut! Es könnte ja sein, dass Andersgläubige oder gar die Polizei in der Nähe sind!“
Vor einigen Jahren hätte dieser Dialog, in genau der Form, laut Süddeutscher Zeitung in England geführt werden müssen, denn die Verwaltung der Stadt Northampton hatte damals angeordnet, dass ab sofort aus Rücksicht auf die Gefühle der zahlreichen Nichtgläubigen sogenannte „Christbäume“ nicht mehr als solche bezeichnet werden dürfen, sondern dass sie fortan den Titel „festliches gartenbauliches Element“ zu tragen haben. Ähnliches wurde auch aus der Stadt Birmingham vermeldet, in der die Stadtoberen angeordnet haben, dass künftig der Begriff „Weihnachtszeit“ durch das Wort „Winterval“ – einer Mischung aus „Winter“ und „Festival“ – zu ersetzen sei. Ob diese Anordnungen heute noch gelten, das entzieht sich meiner Kenntnis. Aber es ist schon interessant, auf was Politiker heutzutage so kommen.
Sie schütteln den Kopf? Sie ärgern sich vielleicht? Ja, doch – ich mich auch. Und das ist durchaus verständlich. Denn so werden unter dem Deckmäntelchen angeblicher religiöser Toleranz ganze christliche Glaubensinhalte über Bord geworfen. Mich erinnern diese neuen englischen Wortschöpfungen ganz fatal an die „geflügelten Jahresendfiguren“, mit denen die Exportstatistik der ehemaligen DDR die Figuren der Engel zu bezeichnen pflegte, die es ja aus rein ideologischen Gründen so nicht geben durfte und nicht geben konnte.
Aber warum erzähle ich Ihnen da alles? Bei uns heißen die Christbäume ja Gott-sei-Dank weiterhin Christbäume, in vielen Familien werden Krippen aufgestellt und an keinem anderen Tag im Jahr ist der Gottesdienstbesuch so hoch wie am Heiligen Abend bzw. am ersten Weihnachtsfeiertag. Dennoch stellen diese skurrilen Nachrichten aus England für mich eine Anfrage dar: Welche Bedeutung hat bei all den liebgewonnen – und auch wichtigen – weihnachtlichen Traditionen noch die Botschaft des Festes selbst, dass Gott Mensch wurde, dass er einer von uns geworden ist? Oder anders formuliert: Benutze ich zwar weihnachtliche Begriffe und äußere Formen, das Fest selbst aber bleibt für mich innerlich leer? Weihnachten – also wirklich ein Fest nur noch der Form nach?
Der große Theologe Angelus Silesius hat vor über dreihundert Jahren formuliert: „Wird Christus tausendmal zu Betlehem geboren aber nicht in dir; du bleibst ewiglich verloren!“ Oder auf unsere Situation umformuliert könnte man auch sagen: Ich kann den Weihnachtsbaum noch so prächtig schmücken, noch so viele lieb- und ernstgemeinte Geschenke machen, noch so gut essen, noch so viele Weihnachtslieder singen – aber wenn die Botschaft der Menschwerdung Gottes für mich nicht wahr wird, wenn sie mein Leben nicht beeinflusst – ja, dann feiere ich Weihnachten eben wirklich nur noch der Form nach.
Was aber heißt das denn nun, dass die Menschwerdung Gottes für mich wahr werden soll? Ist das nicht eine Überforderung, dass ein Ereignis, welches mein Verstand überhaupt nicht voll und ganz begreifen und erfassen kann, dass ein solches Ereignis mein Leben prägen soll? Aber muss ich denn dieses Ereignis bis ins Letzte begreifen und verstehen? Reicht es nicht, wenn ich das, was da an Weihnachten für uns Menschen geschieht als Versprechen Gottes an mich und als seine Befreiung für mich verstehe? Das Versprechen ist doch, dass Gott JA zu uns Menschen sagt. Indem er selbst Mensch geworden ist, da hat er uns Menschen angenommen, mit all unseren Grenzen und Bedürftigkeiten. Und genau deshalb dürfen und können auch wir uns mit all unseren Grenzen gegenseitig annehmen. Weil Gott uns Menschen so sehr liebt, dass er selbst einer von uns wurde, dürfen und können wir doch auch einander lieben. Das ist das befreiende der Botschaft von Weihnachten. Denn der Druck, immer besser sein zu müssen, immer mehr zu verlangen – von mir, von anderen und vom Leben – dieser Druck lässt nach, weil ich so, wie ich bin, von Gott angenommen und geliebt bin. Das aber kann ich nicht mit dem Verstand begreifen, sondern das muss ich hautnah und handfest erleben. Genau dabei helfen uns aber die weihnachtlichen Begriffe, Symbole und Traditionen. Und genau deshalb ist es für mich so ärgerlich, wenn diese – wie in den oben genannten Beispielen – aus dem Leben ausgeblendet werden sollen. Denn sie sind doch so etwas wie Wegweiser zu dieser befreienden Botschaft von Weihnachten: Gott ist Mensch geworden. Einer von uns!
In diesem Sinne Ihnen allen ein frohes und zum wahren Leben befreiendes Weihnachtsfest und für das Jahr 2009 viel Liebe und Zuversicht und SEIN gutes Geleit auf all Ihren Wegen!!
Bertram Bolz, Diakon
Kath. Touristen- und Residentenseelsorger
Puerto de la Cruz, Kapelle San Telmo
www.katholische-gemeinde-teneriffa.de
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