Zweifel und Glauben

Internet-Kanzel

Bertram Bolz, katholischer Touristen- und ResidentenseelsorgerWenn man Statistiken unserer Tage glauben darf, dann steht es um unseren Glauben alles andere als gut. Die Zahl derer, die im Deutschsprachigen Raum ihren Glauben offen praktizieren und bekennen, wird immer geringer. Das zeigt sich all überall in immer leerer werdenden Kirchen. Kinder und Jugendliche sind dort kaum mehr anzutreffen und ein christliches Umfeld, in dem der Glaube einst bei den Eltern noch eingebettet war und wo er wie von selbst gedeihen konnte, das gibt es heute so gut wie nicht mehr. Die Gesellschaft hat oder macht sich ihre eigenen Götter und der Glaube an den Gott, dessen Sieg über den Tod wir jetzt wieder gefeiert haben, der verdunstet immer mehr. Heute muss sich eine/r schon ganz bewusst und vor allem sehr eigenständig entscheiden, wenn er sein Leben nach der Botschaft Gottes ausrichten will – und sie bzw. er muss sich darüber im Klaren sein, dass man auf diesem Glaubensweg oft sehr allein unterwegs sein kann.
Allerdings lässt sich nun entgegen dieser landläufigen Erfahrung, dass die Kirchen immer leerer werden, auch das andere Phänomen betrachten, dass nämlich die Sehnsucht nach Religion und Sinngebung bei vielen Menschen wieder ganz neu aufbricht. Viele fragen auf einmal wieder nach Werten, die ihnen das seichte Weltverständnis der Massenmedien eben nicht vermitteln kann. Nun sehe ich das noch nicht als Entwarnungssignal für die Kirchen an, denn für viele Menschen ist es zunächst mal eine Flucht in eine rein private Religiosität – ganz nach dem Motto: „Schau’n wer mal, was mir das bringt!“ Aber: Die Menschen tun dies in der Absicht, diese komplizierte Welt verstehen und ertragen zu lernen.
Genau das aber ist wiederum eine Chance für die biblischen Religionen und für die spirituelle Tradition des Christentums. Es kommt nur darauf an, diese überzeugend zu leben und auch zu gestalten. Wir müssen vor allem wieder deutlich machen, dass das Christentum eine Religion der Menschwerdung ist – also ein Bekenntnis des menschenfreundlichen Gottes zum Menschen und zur ganzen Schöpfung ist. Das aber muss für die Menschen erfahrbar werden in der Art und Weise, wie die Kirche mit den Menschen umgeht. Das müssen die Armen und die Ausgegrenzten spüren, denen die Botschaft von der Befreiung aus ihren Unheilserfahrungen in aller erster Linie gilt. Und es muss natürlich auch für die Zweifler gelten, die wissen dürfen und wissen sollten, dass sie ein Recht haben auf ihre Zweifel.
Ein Lehrbeispiel dafür ist ja in der Kirche immer der Hl. Thomas, der Ungläubige, der, der hinterfragt. Dieser sympathische Zweifler Thomas macht deutlich, dass jede und jeder sich selbst vergewissern muss. Ihm war es nicht genug und auch nicht ausreichend, was seine Apostelkollegen für sich selbst an Glauben und Glaubensgewissheit angenommen und akzeptiert hatten. „Ich glaube das erst, wenn ich es mit eigenen Augen gesehen habe.“ Und es wird klar: Den Glauben kann man nicht einfach weitergeben wie ein Familienerbe. Glaube ist und bleibt ein Geschenk. Thomas durfte schließlich dem Auferstandenen leibhaftig begegnen und konnte deshalb glauben. Das Schöne an dieser Erzählung aber ist für mich immer wieder aufs Neue die Tatsache, dass eben weder Jesus noch seine Freunde ihm deshalb in irgendeiner Form Vorwürfe machten oder seine Zweifel für unnötig und falsch hielten.
Nun können wir dem Auferstandenen nicht mehr persönlich begegnen. Gerade deshalb aber braucht unser Glaube das Zeugnis der Generationen von Christen vor uns. Es braucht Menschen, die den menschen-freundlichen Gott in sich verkörpern – Menschen, die lieben und leiden wie er und trotzdem immer wieder aufstehen. Klar: Das wird uns den Zweifel nicht ersparen. Aber es lässt uns fragen, was diese Menschen fähig macht, so zu lieben. Aus dem Zweifel kommt ja erst die Gewissheit, dass es doch etwas geben muss, was unser Leben trägt und hält. Dieser Zweifel aber ist der Motor des Glaubens und ich hoffe nur, dass uns dieser Antrieb nie verloren geht.
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Bertram Bolz, Diakon
Kath. Touristen- und
Residentenseelsorger
Kapelle San Telmo, Puerto de la Cruz

Alle 14 Tage sonntags im Sonneninsel-Teneriffa.de-Blog

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